|
|
Das Schlesische Stanislaw Wyspianski Theater in KattowitzGeschichte des Hauses Das Schlesiche Theater in Kattowitz ist das größte und bedeutendste Schauspielhaus Oberschlesiens. Seine 100-jährige Geschichte, die in diesem Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen feierlich begangen wird, spiegelt unmittelbar die bewegte Vergangenheit des ganzen Landes wider. Eingeweiht im Jahr 1907 - in einem nach den Plänen von Carl Moritz gebauten Theatergebäude - agiert das Haus in den ersten 15 Jahren seines Bestehens als ein deutsches Theater in Oberschlesien. Es gibt nur wenig Informationen, die Auskunft über diese Zeit geben. Noch mangelt es an Arbeiten junger Theaterwissenschaftler, die sich dieser Periode annehmen und das Wirken der Kattowitzer Bühne in ihren Pionierjahren systematisch untersuchen. Im Oktober des Jahres 1922 - nach der Rückkehr Oberschlesiens zu Polen - beginnt der nächste Abschnitt in der Geschichte des Theaters am Kattowitzer Marktplatz. Nunmehr fungiert das Haus als das Polnische Theater. Der Agilität des Freundeskreises des Polnischen Theaters in Kattowitz ist es zu verdanken, dass der theatralische Betrieb kurz nach den Umbtrieben des Ersten Weltkrieges und der Schlesischen Aufstände wieder aufgenommen wird. Im Jahr 1922 übernimmt Tadeusz Wierzbicki (1922-1923) die Leitung des Theaters. Wierzbicki und seine Nachfolger, darunter der die Zwischenkriegszeit des Schauspielhauses prägende Marian Sobanski (1927-1939), konzentrieren sich auf die szenische Adaptation der polnischen Nationalklassiker - von der Romatntik bis zur klassischen Moderne reicht das damalige Repertoire, Dramen von Mickiewicz und Wyspianski werden inszeniert. Im Jahr 1936 erhält das Kattowitzer Theater den Namen des bedeutenden polnischen Dramaturgen, Bühnenbildners und Malers Stanislaw Wyspianski. Ein Name, dem sich das Haus programmatisch bis heute verpflichtet fühlt. Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges wird das Polnische Theater in Kattowitz zum Zufluchtsort für das Dramatische Theater aus Lemberg. Theaterleiter Bronislaw Dabrowski findet in Kattowitz mit einem Ensemble ein neues künstlerisches Zuhause und begründet den ambitionierten Neubeginn des Schauspielhauses in der Nachkriegszeit. Mit Bronislaw Dabrowski reisen unter anderem die Schauspieler-Legenden Alexander Bardini, Roman Hierowski, Irena Tomaszewska und Edward Zytecki nach Kattowitz. Sukzessive beginnen auch jüngere Schauspieler-Größen auf der Kattowitzer Bühne ihre Karrieren. Zum Beispiel Tadeusz Lomnicki, der hier seine großen Charakterrollen-Erfolge in Stücken polnischer und internationaler Autoren feiert. Unter der Leitung von Wladyslaw Woznik (1950/1951) stößt Gustaw Holoubek ins Ensemble. Holoubek, in den Jahren 1946-1956 künstlerischer Leiter des Hauses, verkörpert auf der Kattowitzer Bühne zahlreiche virtuose Rollen in den Dramen Gorkis, Fredros und Slowackis. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre beginnt die Ära von Jerzy Jarocki, unter dessen künstlerischer Leitung zunehmend die Moderne und die Gegenwartsliteratur Einzug in das Repertoire des Kattowitzer Theaters halten. Jasienski, Osborn, Mrozek, Dürrenmatt und Majakowski tauchen auf dem Spielplan auf. Zu diesem Zeitpunkt beginnen auch eine Reihe erstklassiger Bühnenbildner und Komponisten ihre Liason mit dem Haus: Kazimierz Wisniak, Kazimierz Mikulski, Wieslaw Lange und die Komponisten Mikolaj Gorecki und Wojciech Kilar - Namen, die sich wie das who-is-who der polnischen Gegenwartskultur lesen - zieren die Premierenplakate der späten 50er Jahre. Verursacht durch häufige Wechsel in der Leitung, erlebt das Theater in den späteren Jahren einige Turbulenzen. Es wird zunehmend schwieriger, Kontinuität im künstlerischen Programm zu wahren; Das Selbstverständnis des Theaters leidet unter der Unruhe, sein Image verwässert sich. Aber eines kommt in dieser Zeit zumindest den Zusachauern zugute. Die aufeinander folgenden Theaterleiter laden hervoragende Schauspielerpersönlichkeiten nach Kattowitz ein, die das Publikum bewundern kann. So finden sich in den Biografien von Lidia Zamkow, Tadeusz Kantor, Jozef Szajna, Jerzy Kreczmar, Bohdan Korzeniewski, Kazimierz Kutz, Franciszek Starowieyski und später Anna Polony, Jozef Czarnecki, Krzysztof Babicki und Tadeusz Bradecki (ab der Spielzeit 2007/2008 neuer künstlerischer Leiter des Schlesischen Theaters) Episoden und Abschnitte aus der Kattowitzer Zeit. Auch in der jungen Generation von Schauspielern, die in den Folgejahren auf den führenden Bühnen des Landes für Furore sorgen, gibt es viele, die unter der künsterischen Leitung von Ignacy Gogolewski (1971-1974) ihre ersten Bühnenerfahrungen in Kattowitz sammeln (u.a. Krzysztof Kolberger und Marek Kondrat). Unter der Leitung von Jerzy Zegalski (1981-1992) und Bogdan Tosza (1992-2003) bemüht sich das Haus, die Tradition einer polnischen Nationalbühne in Schlesien fort zu führen. Stücke polnischer Nationalklassiker und die klassischen Dramen der Weltliteratur wechseln sich ständig auf dem Programm ab. Anfang der 80er Jahre kommt es zur Erweiterung des künstlerischen Angebotes. 1981 entsteht die Studio-Bühne (Scena Kameralna), die den Inszenierungen von Gegenwartsdramen polnischer und ausländischer Autoren einen Raum gibt. Seit 1992 verfügt das Schlesische Theater über einen dritten Aufführungsstandort, die "Bühne im Malersaal" (Scena w Malarni). Sie ist untergebracht in einem ehemaligen Gebäude der Freimaurer-Loge, das mittlerweile zum Komplex des Theaters gehört. Mit dem Wechsel in der Theaterleitung, die nach Henryk Baranowski (2003-2005) erfolgt, kommt es auch zu einer organisatorischen Änderung: Die Trennung der Funktionen des künstlerischen Leiters und die des Verwaltungsdirektors. Seit dem Jahr 2005 ist Krystyna Szaraniec die Verwaltungsdirektorin des Schlesischen Theaters. Ab der Spielzeit 2007/2008 übernimmt Tadeusz Bradecki die künstlerische Leitung des Ensembles. Ganz der künstlerischen Philosophie seines Namensgebers Stanislaw Wyspianski verpflichtet, versteht sich das Schlesische Theater heute als ein Ort der "Synthese", der Integration verschiedener Künste. Daher gehören literarische Treffen, Ausstellungen und Musikvorführungen zum festen Bestandteil des aktuellen Theaterprogramms. Das Schlesiche Theater ist zu einem lebhaften Ort interdisziplinärer Kunst geworden. Das Foyer der großen Bühne und das Foyer der Studio-Bühne beherbergen zwei Galerien, in denen den Zuschauern und Besuchern in Wechselausstellungen die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Sujet "Theater" präsentiert wird. Das Publikum konnte u.a. die theatralischen Ansätze im Wirken so hervorragender bildender Künstler wie Jerzy Duda-Gracz, Maciej Bieniasz, Zygmunt Brachmanski, Adam Myjak, Günther Grass u.a. kennen lernen und bestaunen. Die Galerie-Räume dienen auch der Erinnerung an die Geschichte des Schlesichen Theaters und der zahlreichen mit ihm verbundenen Persönlichkeiten. In die jüngste Geschichte des Schlesischen Theaters schreibt sich das "Fest der Dichtung" des Jahres 1993 ein. Die weit über die Region hinaus beachtete Veranstaltung, an der u.a. der Nobelpreisträger Czeslaw teilgenommen hatte, feierte den Höhepunkt mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Schlesichen Universität an den russischen Dichter Josif Brodski. Im September des Jahres 1996 veranstaltet das Schlesische Theater die "Günther Grass Tage" und schafft damit ein Begegnungspodium für führende Literaturübersetzer aus Polen und Deutschland. Das Schlesiche Theater, Mitglied der Vereinigung Polnischer Theater, unterhält zahlreiche grenzüberschreitende Kontakte. Gastspiele führten das Kattowitzer Ensemble an verschiedene Spielorte Europas: Von Moskau über Ufa, Vilnius und Lemberg bis hin nach Stockholm, Brüssel, Paris und Wien. Gegenwärtig werden Kontakte in die Theater-Szene Kölns geknüpft - die deutsche Partnerstadt von Kattowitz am Rhein. |